Tag

Literatur

Unterwegs sein. Sich bewegen, in Bewegung bleiben. Einen Schritt nach dem anderen. Wohin führt der Weg? Was sehe ich flotten Schritts oder langsam flanierend am Wegesrand? Was rieche, schmecke, höre ich? Wer begegnet mir? Wer begeistert mich, wer erschreckt mich, wer ist mir egal? Wie beeinflusst mich das? Und warum ist das so?

Fragen, die mich bewegen, die mich unterwegs sein lassen in meinem Leben. Ich habe das Glück, umgeben zu sein von Personen, die solche Fragen auch fesseln. Immer spannend ist es für mich, von fremden Personen zu hören, die ähnliche Fragen bewegt. Darum, glaube ich, begeistert mich Wend Kässens Buch Das Große geschieht so schlicht. Unterwegs im Leben und Schreiben so sehr.

Wend Kässens, unterwegs in der deutschen Literaturszene seit langer Zeit, hat für dieses Buch deutschsprachige Schriftsteller zum Thema unterwegs sein interviewt. Keine Interviews mit  Fremden meint man zu lesen, sondern Gespräche mit einem Vertrauten – der auch dort nachbohrt, wo es nicht immer angenehm ist. Clemens Meyer, Ingo Schulze, Juli Zeh und andere mehr lassen in diesen Gesprächen Einblicke zu, die man so nicht erwartet. Wer inspiriert mich, fragen sie sich im Gespräch, woher nehme ich meine Kraft? Welche Künste inspirieren mich, und warum? Wie stehe ich zur Stadt, zur Natur? Zu Klischees wie der Naturschönheit? Was bedeutet die politische Bewegung, das politische unterwegs sein, die Literatur für mich? Und wo sehe ich mich da?

Dieses Buch trifft zwei verschiedene Interessen und bringt sie zusammen: Wer sich für die Fragen des Lebens interessiert, wird spannende, unerwartete Antworten finden. Und – ganz nebenbei – viele Anregungen finden, was er denn in der deutschsprachigen Literatur dazu lesen könnte. Meine Leseliste jedenfalls ist sehr lang geworden, nachdem ich diese Interviews las. Wer sich für die deutschsprachige Literatur interessiert, wird Hintergründe und Einblicke bekommen, die nur jemand wie Wend Kässens erfragen kann: Jemand, der ernsthaft fragt und ernsthaft interessiert ist – und von dem die Interviewten wissen, dass er sorgsam mit ihren Worten umgehen wird.

Ein Buch, das einen inspiriert, erfrischt und auch nachdenklich zurück lässt. Man beginnt, sich Fragen über das eigene Leben zu stellen: Über Trippelschritte, Umwege, Auf-der-Stelle-Treten, Kurven. Die Bücher sind für mich die gelungensten, die einen nicht mit einem Ausrufezeichen von der letzten Seite entlassen, sondern mit diesem Fragezeichen, das von den letzten Seiten entkommt und einem in das eigene Leben hinein folgt. Dieses Buch ist eines davon.

{Bild: Corso Verlag}

Die Zeit rennt. Auf meiner Liste gibt es noch einige Dinge… Einiges schönes hab ich auch schon gemacht, hier und hier und hier. Glücklicherweise ist das Leben mit dem 30sten Geburtstag ja nicht vorbei. Ich hatte auch nie das Gefühl, das wäre so. Ich sehe meine Liste eher als eine Möglichkeit, mir schöne Dinge vorzunehmen und sie auch einfach zeitnah umzusetzen. Und bis jetzt funktioniert das ganz gut.

Also, Lieblingsbücher an Lieblingspersonen verschenken. Einfach so, ohne Geburtstag und alles. Gar nicht so einfach, wie es klingt! Erstmal muss ich mir klar darüber werden, welches überhaupt meine Lieblingsbücher sind. Dann muss ich sie irgendwo antiquarisch bzw. auf dem Flohmarkt finden (auch Bücher verschenke ich lieber gebraucht als neu) und dann noch von meinen Freunden jemanden finden, der zu dem Buch passt.

Faktisch lief es dann doch etwas anders. In der ‚Bücherstube‘, die donnerstags in meinem Heimatort stattfindet, hab ich einige Bücher gefunden, die den Kriterien entsprechen – ohne vorher überlegt zu haben, dass ich genau diese Bücher suche. Ist wahrscheinlich die geeignetere Strategie.

Es sind also geworden:

Siddharta von Hermann Hesse

Rot ist mein Name von Orhan Pamuk

Leberecht Hühnchen von Heinrich Seidel

Dshamilja von Tschingis Aitmatow

Der kleine Grenzverkehr von Erich Kästner

Hörbe mit dem großen Hut von Otfried Preußler

Neun sind das nicht… Ich behalte das Lieblingsbücher verschenken einfach bei und mache das auch nach meinem 30sten weiter, einverstanden?

Hörbe und der Grenzverkehr sind nicht mit auf dem Foto gelandet, weil sie ihre neuen Besitzer schon gefunden haben. Und die haben sich wirklich sehr über die Bücher gefreut. Auch Leberecht Hühnchen ist schon in neuen Händen. Ist das nicht, mal so nebenbei, ein ganz toller Titel? Diesen Namen habe ich nie vergessen, seit ich das Buch mit ungefähr 13 Jahren das erste Mal gelesen habe. All diese Bücher haben mir wunderbare Stunden verschafft. Ich hoffe, dass sie das auch bei ihren neuen Besitzern tun!

Die drei anderen Bücher gehen noch diese Woche in die Post, beziehungsweise übergebe ich sie persönlich. Ich bin gespannt auf die Reaktionen!

Welche sind denn Eure Lieblingsbücher? Und welche verschenkt Ihr gerne?

Irgendwie habe ich eine Glückssträhne momentan. Nicht nur habe ich wieder mal etwas Wunderbares gewonnen (Danke, liebe Mano, ich freu mich auf die Post!), sondern auch noch von einem freundlichen Menschen ein fantastisches Geschenk bekommen – oder so ähnlich.

Neulich war ich mit meiner Mama in einer Second-Hand-Bücherstube, die in unserem kleinen Ort jeden Donnerstag offen hat. Wenn ich dann donnerstags mal da sein sollte, nutze ich gleich die Gelegenheit und verschwinde für ein halbes oder Stündchen dorthin. Bei Büchern bin ich ja manisch. Liegt offenbar im Blut, das Haus meiner Eltern im kleinen Heidedorf ist voll von alten und neuen Büchern. Finde ich sehr gemütlich.

Zurück in die Bücherstube: Meine Mama und ich stöberten und kamen mit der Dame ins Gespräch, die dort immer die Bücher verkauft, klassische Musik hört, Bücher bei Amazon einstellt und natürlich immer für ein Schwätzchen zu haben ist. Sie merkte schnell, dass ich schön gemachte, alte Bücher mag, und dass ich noch Frakturschrift lesen kann (ich wünschte, auch Sütterlin, aber da sehe ich nur Schleifen und Schnörkel). Dass ich „Leberecht Hühnchen“ von Heinrich Seidel und „Der kleine Grenzverkehr“ von Erich Kästner sowie ein Gedichtbändchen von Rilke in schönen Ausgaben auf meinen Stapel legte, erfreute sichtlich ihr Herz.

Irgendwann schob sie mir dann ein Buch hin: „Schauen Sie sich doch mal das an, wäre das nicht was für Sie?“ Ich schaute, selbstverständlich. Und sah: Ein altes, sehr abgegriffenes Kinderbuch mit der Abbildung eines traurigen, langnasigen Zwerges auf dem Titelbild. Offenbar schon recht alt. Innen hielt es wunderbare, aber sehr unheimliche, teilweise düstere Illustrationen für mich bereit. Die Frau sagte: „Vielleicht kennen Sie den Illustrator: Er war für Jahrzehnte der beliebteste Kinderbuchillustrator Deutschlands. Sein Name ist Ernst Kutzer.“ Ich kannte den Namen nicht, erkannte aber den Zeichnungsstil wieder. Unentschlossen blätterte ich etwas. Die Bilder waren mir zu düster, aber auch wunderschön.

Um es kurz zu machen: Ich habe es mitgenommen. Mitsamt den sechs anderen Büchern, die ich ausgesucht hatte. Die Dame freute sich so über meine Auswahl, dass sie mir partout nicht mehr als 10 Euro für alle sieben Bücher abnehmen wollte. Abends zeigte ich diese Merkwürdigkeit in Ruhe meinen Eltern und unseren bosnischen Freunden, die zu Besuch waren. Wir freuten uns über die Verse und die schlichte Moral der Geschichte – man kann es auch „Drohen mit zauberisch-schlimmen Konsequenzen, wenn Du nicht brav bist, Kindchen!“ nennen. Wer möchte schon in einen Zwerg mit langer Triefnase verwandelt werden? Da wir nicht rausfinden konnten, wie alt das Buch war, habe ich spätabends noch im Internet nachgeschaut. Und konnte meinen Augen nicht trauen. Die Dame in der Bücherstube hat mir eine absolute Kinderbuchrarität quasi geschenkt. „Der Puppenzwerg“ wird für Höchstpreise gehandelt. Wenn man das Buch denn überhaupt findet. In meiner Ausgabe sind zwar einige der Innenblätter lose, und eins ist angerissen, es ist aber dennoch wertvoll. Nicht, dass ich vorhätte, es zu verkaufen. Kinderbücher liebe ich nämlich sehr. Und diese Geschichte ist doch noch viel wertvoller als das Buch an sich…